Archaologie als Historische Wissenschaft am Beispiel der Ungarischen Urgeschichte
І.Fodor (Budapest)
Археология как историческая наука (на примере древней истории венгров)
В последнее время в венгерской археологической литературе появилось мнение, по которому археология не является исторической наукой и она не может быть использована при исторических реконструкциях, особенно при реконструкции этнических процессов.
Довольно часто встречаем в работах лингвистов и историков неверные и весьма негативные суждения о возможностях археологии в исторических реконструкциях. Данные археологии ими часто используются, как это им в данном случае угодно, и они больше всего придают им - как это делалось в XIX веке - чисто иллюстративное значение. В данной статье автор высказывает свое мнение о том, что археология есть историческая наука, но при исторических реконструкциях ее данные должны быть использованы вместе с данными других дисциплин - языкознания, этнографии, истории, антропологии и пр. (хотя этот же метод должен быть применен и в отношении других дисциплин). Приведены примеры, когда в Карпатской котловине археологические материалы без всяких сомнений могут быть привязаны к этническим образованиям (сарматы, гепиды, лангобарды, авары, славяне и пр.). В этом отношении хорошим примером служат и археологические памятники древних венгров X века. Они ярко отличаются от памятников предыдущих и соседних народов (славян, авар, болгар) и ретроспективно могут быть прослежены до 6 века и Магна Хунгарии (Башкирии) с одной, и до средневековых венгерских памятников XIII в. - с другой стороны. В свете этих данных лишены основания все теории о приходе венгров в Карпатскую котловину до 895 г., о их тюркоязычности, о массовом переселении болгар в Аварскую державу, о массовом доживании авар до прихода венгров, о венгероязычности авар, о переселении венгров в Этелкузу в VIIвеке, о «южной» Моравии и т.д. Автор считает, что теоретические проблемы археологии должны быть решены преимущественно самыми археологами, а не представителями других дисциплин.In letzter Zeit erschien in der ungarischen Fachliteratur eine Stellungnahme, dergemaβ die Archaologie keine historische Wissenschaft und ⅛erhaupt nicht fur historische Rekonstruktionen geeignet sei, besonders wenn es sich um Volksgeschichtliche Fragen handele (Visy-Nagy 2003, 21-22). Ahnliche Meinungen verlauteten frnher und verlauten heute vor allem von Vertretern der Partnerwissenschaften (Sprachwissenschaftler, Historiker).
Nach Meinung des Verfassers erreichen diese Ansichten oftmals nicht einmal das theoretische Niveau des 19. Jahrhunderts. Die Archaologie ist sehr wohl eine Geschichtswissenschaft und in sehr vielen Fallen auch zur Untersuchung volksgeschichtlicher Fragen geeignet. So ist in Ungarn z. B. die archaologische Hinterlassenschaft der Ungarn des 10. Jahrhunderts, der Awaren, der germanischen Volker der Volkerwanderungszeit und vieler anderer Volksgruppen sehr gut bekannt. Allerdings muss bei der ethnischen Identifizierung des archaologischen Fundmaterials aufierordentlich umsichtig verfahren werden. Im Falle einzelner - z. B. der finnougrischen - Volker ist die Anwendung der retrospektivischen Methode sehr erfolgreich: Mit ihrer Hilfe kann die Volkskultur bis in die fruhe Eisenzeit oder in noch frnhere Epochen zuruckgefhhrt werden (Cernjecov 1964, 1971; Abb. 1). Bei den volksgeschichtlichen Forschungen kann die Archaologie in gewissen Fallen eine sehr grofie Rolle spielen. Von vorrangiger Wichtigkeit sind die archaologischen Angaben bei den Fragen der Lokalisierung und Zeitbestimmung, denn die archaologische Chronologie ist um vieles genauer als die sprachwissenschaftliche. Allgemein kann nicht kategorisch erklart werden, ob das archaologische Fundmaterial mit einer Ethnie verbunden werden kann oder nicht - dies ist in jedem konkreten Fall durch eine grundliche Untersuchung zu entscheiden. Auch im derzeitigen Zustand der Forschung sind die archaologischen Ergebnisse dazu geeignet, in gewissen historischen Fragen als entscheidender Beweis zu dienen.
Die Studie weist auf einige diesbezugliche Falle im Zusammenhang mit der fruhen ungarischen Geschichte hin.1. Heute kennen wir die charakteristische und mit keiner anderen zu verwechselnde archaologische Hinterlassenschaft der aus dem Osten gekommenen Ungarn im 10. Jahrhundert bereits recht genau. Dieses archaologische Material erscheint am Ende des 9. Jahrhunderts und die Geschichte der Bevolkerung, die dieses Material schuf, ist ebenfalls bis zum 13. Jahrhundert archaologisch gut zu verfolgen. Es ist also nicht zweifelhaft, dass dies die Hinterlassenschaft der Ungarn ist, mit der gleichzeitig die ungarische Sprache, der Vorganger des heutigen Ungarischen, erschien. Vollig unbegrundet sind also all jene Hypothesen, nach denen die Ungarn fruher als in dem auch mit Quellen belegbaren Jahr 895 in ihrer heutigen Heimat gewesen seien (Laszlo 1970, 1997; Engel 2005). Ebenso unbegrundet ist auch die Qberlegung, die unter Fuhrung von Furst Arpad 895 eingewanderte Bevolkerung sei eine turksprachige gewesen, da sich im ungarischen archaologischen Material keine Spuren von innerasiatischen Elementen finden. Die Einheitlichkeit der Hinterlassenschaft der Ungarn des 10. Jahrhunderts sowohl in den Funden als auch in den Bestattungsbrauchen weist darauf hin, dass die Volkselemente, die sich im Osten den Ungarn angeschlossen hatten, bis dahin - ihre Sachkultur betreffend - bereits der Mehrheit assimiliert hatten. Die territoriale Lage und Zahl der ungarischen Graberfelder des 10.-11. Jahrhunderts schlieβt auβerdem auch die Hypothese aus, dass nach 895 die Slawen die Mehrheit der Bevolkerung im Karpatenbecken gebildet hatten (Kristo 2000).
2. Dieses archaologische Fundmaterial ist auch nachdem Osten zuruckzuverfolgen, wenn auch nicht gleichmaβig. Wir kennen mehrere Graberfelder aus dem Gebiet zwischen der mittleren Wolga und dem Uralgebirge seit dem 6. Jahrhundert, die auf Grund des Bestattungsritus der ungarischen Ethnie zuzusprechen sind. Seit der Mitte des 8.
Jahrhunderts haben wir die Hinterlassenschaft der Ungarn in der Saltowo-Kultur im Raum Don-Donez - Asowsches Meer zu suchen und dann, nach der Mitte des 9. Jahrhunderts, im Etelkoz zwischen Dnjepr und unterer Donau. Aus diesem Gebiet kennen wir tatsachlich Graber und Funde, die sich mit den Ungarn verbinden lassen, wenn auch heute noch in recht kleiner Zahl. Sie reichen jedenfalls dafur, den Weg der Ungarn von Baschkirien bis zu den Karpaten nachzuzeichnen - ungefahr so, wie es sich auch den historischen Quellen entnehmen lasst.Vor einigen Jahren auβerte A. Rona-Tas die Ansicht, die Ungarn hatten bis zum 5. Jahrhundert irgendwo in der Trockensteppe nordlich vom Aralsee und dem Kaspischen Meer gelebt, seien von dort zum Kaukasus gewandert und spater - den Bulgarturken folgend - zum Dnjepr und hatten vom letzten Drittel des 7. Jahrhunderts an zwischen Dnjepr und unterer Donau gelebt. Wahrenddessen sei eine Gruppe der Ungarn zusammen mit einer bulgarischen Volksgruppe nach Osten gezogen und habe mit den Bulgaren gemeinsam Wolgabulgarien gegrundet (Rona-Tas 1999). Diese abenteuerliche Wanderung belegen aber die archaologischen Angaben uberhaupt nicht, so dass kein Grund vorliegt, die traditionelle historische Vorstellung aufzugeben. Gleichfalls aus der Luft gegriffen ist J. Harmattas Hypothese, die Ungarn seien Bundesgenossen des bulgarischen Fursten Kuwrat und nach 670 von Asparuch gewesen, und die in den Quellen zusammen mit den Donaubulgaren erwahnten „sieben Stamme“ seien als die sieben ungarischen Stamme und nicht als Slawen zu betrachten.
3. Heute ist die archaologische Hinterlassenschaft der Bulgarturken bereits mehr oder weniger bekannt, besonders die seit der Mitte des 8. Jahrhunderts, und ebenso auch die Bestattungen der Chasaren (Pletnova 2003; Abb. 2-5). Bei der ethnischen Identifizierung dieses archaologischen Fundmaterials gibt es zwar in diesem Bereich noch sehr viele umstrittene Punkte, doch kann eine vorsichtige Folgerung daraus doch gezogen werden.
So ist z. B. schwer zu beweisen, dass sich Kuwrats Groβbulgarien vom Dnjepr aus nach Westen ausgedehnt habe (Rona-Tas 2000). Viel wahrscheinlicher ist, dass sein Gebiet ostlicher gelegen hat.4. Von mehreren Seiten wurde die Hypothese aufgestellt, um 670-680 habe sich eine zahlenmaβig bedeutendere onogur-bulgarische Bevolkerung im Awaren-reich niedergelassen, und mit dieser sei die damalige Veranderung des archaologischen Materials der Awaren zu erklaren (Bona 1970; Szadeczky-Kardoss 1999, 163). Da diese Ansiedlung mit Asparuchs Niederlassung an der unteren Donau zusammenfallt, ware zu erwarten, dass dann auch im Karpatenbecken ahnliches archaologisches Fundmaterial auftauchen musste. Davon gibt es jedoch keine Spur. Man muss folglich annehmen, dass - selbst wenn wir der von Theophanes und Nikophoros Uberlieferten Legende Glauben schenken, wonach Kuwrats vierter Sohn, Kuber, mit seinem Volk nach Pannonien gezogen sei - diese Ansiedlung keinesfalls mit der einer groβeren Menge bulgarischer Bevolkerung verbunden gewesen sein kann. Und dafur, dass diese angeblich massenhaften Onogur-Bulgaren Ungarisch gesprochen oder massenweise den Einzug der Ungarn 895 erlebt hatten (Olajos 1987; Olajos 2001, 16-17), gibt es erst recht keinerlei Anzeichen.
5. Die archaologischen Angaben bestatigen nicht die Deutung des Berichtes von Regino, wonach der Verfasser nicht uber eine unbewohnte awarische Ode schreibt, sondern uber eine groβe Zahl nomadisierender Awaren im Gebiet der oberen Theiβ im 9. Jahrhundert (Szadeczky-Kardoss 1999, 163-169). Zudem haben sich dieser Hypothese nach diese Awaren den 895 eintreffenden Ungarn angeschlossen und sind an der «ungarischen Ethnogenese» beteiligt gewesen. Demgegenuber ermoglicht die sehr gute archaologische Erforschung dieses Gebietes keinen Nachweis dortiger Anwesenheit irgendeiner bedeutenden nomadischen Awarengemeinschaft.
6. In der einstigen jugoslawischen Wojwodina wurde bei Dunacseb (Celarevo) ein groβes spatawarisches Graberfeld gefunden.
In einem Teil der Graber befanden sich romische Mauerziegel, in die man nachtraglich das Menora-Zeichen eingeritzt hatte. Daraus haben mehrere Forscher auf chasarische Bevolkerung des 9. Jahrhunderts oder auf am Ende des 9. Jahrhunderts hierher gesiedelte Kabaren gefolgert (Bunardzic 1980; 2005; Erdelyi 1979). Demgegenuber kann nach Ansicht des Autors kein zweifel daran bestehen, dass das Graberfeld typisch awarisches Fundmaterial des 8. Jahrhunderts enthielt und die ziegel vom Gebiet des nahen romischen Lagers hierher gelangten.7. Auf Grund einer neueren Interpretation historischer Quellen kam I. Boba zu dem Schluss, das Furstentum Mahren habe sich nicht im heutigen Mahren und in der Ostslowakei befunden, sondern im Suden, im heutigen Serbien. Dieser Hypothese widersprechen die archaologischen Funde absolut. Fur die Mahrer typisches archaologisches Fundmaterial wurde namlich bisher nur im Norden gefunden. (Das stimmt auch, wenn die fruhere tschechoslowakische Forschung die Bedeutung dieser Funde stark ubertrieb und im Furstentum Mahren geradezu das Vorbild der «tschechoslowakischen Staatlichkeit» sah. Diese Theorie ist aber ebenso zerfallen wie die Tschechoslowakei selbst.)
Unhaltbar ist auch die Annahme, dass im 9. Jahrhundert im Suden der Groβen Ungarischen Tiefebene irgendeine «mahrische» Bevolkerung gelebt hat. Es fanden sich zwar Spuren mahrischer Bevolkerung in Ungarn, aber nicht dort, sondern wo sie den Quellen nach erwartet werden konnten: in der Umgebung des Sitzes von Pribina und Kocel, in Zalaszabar (M∏ller 1994).
Zum Schluss merkt der Autor an, dass man bei den historischen Rekonstruktionen die archaologischen Angaben nicht nur verwenden kann, sondern auch verwenden muss. Sie konnen fur die Lokalisierung und Chronologie entscheidend sein und den allzu fantasiereichen, vollig unwahrscheinlichen Rekonstruktionen vorbeugen. Vor fast vierzig Jahren hat der hervorragende uralistische Sprachwissenschaftler P. Hajdu die heute noch gultige Bemerkung gemacht, die Archaologie sei dahin gelangt, dass sie als gleichrangiger Partner an der Losung unserer urgeschichtlichen Fragen teilnehmen konne, wozu im Obrigen keines der interessierten Wissenschaftsfacher alleine fahig sei (HajdΠ 1969, 264).